Börsenpanik!

Die Kurse an den Börsen brechen ein. Insbesondere der Dax hat in sehr kurzer Zeit 10% seines Wertes verloren. War das erst der Anfang? Kommt jetzt die große Krise? Hier eine Analyse ohne Charts und mit Ergebnis.

Vor einiger Zeit schieb ich, dass das Überschreiten der 10000 Punkte des Dax kein Grund für Verkäufe sei. Davon bin ich auch weiterhin überzeugt. Denn wäre der Einbruch des Dax irgendwie durch die 10-Tausender-”Marke” motiviert gewesen, müssten MDAX TecDAX und SDAX davon unberührt bleiben, was ganz und gar nicht der Fall ist. Im Gegenteil haben diese Indizes genauso schlecht abgeschnitten, obwohl sie weit entfernt von irgendwelchen nennenswerten “Marken” sind. Also bitte: reden wir nicht von irgendwelchen “Marken” Diese haben mit der momentanen Korrektur bzw. dem momentanen Crash-Beginn NICHTS zu tun.

Schauen wir uns tatsächlich an, was wirklich mittel bis langfristig die Kurse bewegt. Und das sind meiner Meinung nach weder Tagesmeldungen noch schreckliche und unsinnige Kriege in Nahost-Regionen. Am allerwenigsten sind es “Marken” und Chartindikatoren. Beachtet man solche Meldungen, ist man – eines meiner Lieblingsbilder von Kostolany – wie jemand, der beim Autofahren nur bis zur Motorhaube schaut, anstatt vorne die Straße im Blick zu behalten.

Die Straße im Blick zu behalten hilft uns beim Autofahren und bei der Orientierung an der Börse hat es mir immer geholfen, das ganze Bild zu betrachten und finaziell zu profitieren. Die Wendepunkte im Frühjahr 2000, 2003 und 2009 konnte ich ziemlich genau ausnutzen. Nur im Sommer 2008 schlief ich am Steuer ein, und zwar wegen des Irrglaubens, man könne an der Börse sowieso nichts wissen, das System sei doch zu komplex, und meine Erfolge zuvor wären nur Zufall gewesen. Stattdessen müsse man nur fortwährend in gute Aktien investieren, solange sie nicht allzu teuer wären. Ja, im Endeffekt ist es besser, als etwa bei jedem kleinen Einbruch in Panik zu geraten. Und langfristig auch durch Krisen hindurch in Aktien investiert zu bleiben, und an seinen Positionen – sofern gut ausgewählt – festzuhalten, ist für viele genau das richtige und meist die bessere Alternative. Aber:

Es ist schon möglich, Grundtendenzen einzuschätzen und größere Börsenbewegungen im Voraus zu erkennen. Dann kann man mit einem Teil des monetären Vermögens darauf setzen (jetzt auf fallende Kurse) und mit einem anderen Teil an der grundsätzlich richtigen und langfristigen Strategie (Aktien kaufen) festhalten. Aber Warum sollte eine Einschätzung möglich sein? Wer kann wissen, wohin die Kurse gehen? Niemand. Aber lassen Sie mich es an einem Beispiel erläutern: Die Moleküle in einem Wassertopf fragen sich, wann sie mal wieder so richtig zu kochen anfangen. Es hat schon lange nicht mehr gekocht, also machen manche Moleküle Tabellen und folgern, das zu bestimmten Zeiten das kochen anfangen müsste. Manche analysieren die Raumtemperatur, manche die Luftfeuchtigkeit, andere den Wasserstand, besonders Spitzfindige den Winkel und die Intensität des Lichtes, das auf den Wasserspiegel trifft. Wieder andere nehmen den Salzgehalt in den Blick, andere (die meisten) ihre eigene Position in dem Wassertopf, also z.B. ob sie gerade oben schwimmen oder unten. Manche führen Befragungen durch, wie viele Atomkerne sich rechts- oder linksherum drehen. So ist es auch mit Börsenanalysen.

Ein Mensch von außen hingegen sieht: WENN [Herdplatte auf 12], DANN [Wasser wird kochen].

Kein Marktteilnehmer gleicht diesem Menschen, der den Topf von außen sieht. Das Beispiel soll nur illustrieren, dass es vielleicht Faktoren gibt, die ziemlich eindeutig sind und wir nur die Komplexität nicht durchschauen. Demnach könnte eine Analyse des ganzen Bildes vielleicht doch auf die richtige Spur führen. So wie in dem Beispiel einige Moleküle erkennen könnten: WENN [Wärmestrahlung von unten], DANN [geht die Party bald los]. Natürlich, man weiß nie ob man richtig liegt, das ist das spannende und das macht auch die Notwendigkeit aus, grundsätzlich und auf lange Sicht mit einem Teil in Aktien investiert zu bleiben (Gründe dafür in anderen Beiträgen) – aber für mich stellt sich die Situation so dar:

Zunächst, eine Analyse muss folgende Faktoren beinhalten: Der Wichtigste ist die politische Lage, und zwar nicht der Kleinkram oder Randereignisse, so tragisch sie leider sind oder sein mögen (“politische Börsen haben kurze Beine” sagt man), sondern die Großwetterlage. Danach kommt die Wirtschaft. Und zwar auch hier nicht die Sorge und Not derer, die Konjunkturzyklen punktgenau vorhersagen wollen, sondern die grundsätzliche Verfassung des Wirtschaftssystems. Als Drittes ist das finanzielle Klima zu betrachten. Der vierte immer noch sehr wichtige Faktor ist die Stimmung der Marktteilnehmer.

Alles dies muss analysiert werden. Und eine solche Analyse ergibt derzeit ein spannendes Bild:

Auf der einen Seite stehen Faktoren, die die Kurse pushen. Wie die Spritzen eines kreativen Sportwissenschaftlers und die Jubelrufe des Publikums den Athleten anspornen. Auf der anderen Seite drücken andere oder sogar dieselben Faktoren gewaltig auf die Kurse. Da ist viel Bewegung möglich, die auf einmal entladen werden könnte, wie bei einem Erdbeben, das sich lange vom tektonischen Druckaufbau zweier gegenlaufenden Platten genährt hat und plötzlich, mit nur wenigen und relativ leisen Vor-Signalen, ausbricht. Oder wie beim Wetter, das plötzlich umschlägt. Während man noch schwitzend in kurzer Hose zum Gipfel steigt, hat schon eben dieselbe Sonne, die konstant Wärme und Licht spendet, ein plötzliches und dunkles Gewitter vorbereitet.

Lassen Sie uns die Lage im Einzelnen analysieren: Politisch herrscht zwar noch immer das Gefühl der Sicherheit und Stabilität. Die Bürotürme in Frankfurt, London, New York und Tokyo sind inmitten inneren und äußeren Friedens. Aber mit rasender Geschwindigkeit hat sich in den letzten Wochen die Gefährdung dieses Friedens gezeigt. Zwischen Russland und dem Westen wird mit Säbeln gerasselt. Leider hat man neben Säbeln auch Atomwaffen. Die “Berichterstattung” trägt in Deutschland m.E. Züge von Kriegstreiberpropaganda. Kaum jemand regt sich darüber auf. Völlig gedankenverloren posten Leute auf Facebook was sie morgens gegessen haben. Unsere unmittelbar relevante Zukunft wird währenddessen immer dramatischer und absurder durch die angeblich demokratisch legitimierte politische Führung des Westens aufs Spiel gesetzt. Von Entspannung und Diplomatie nur Wenig zu hören. Alarm gelb. Finger liegt auf Alarm rot.

Dazu kommt die Gefährdung des inneren Friedens. Die vorhandene soziale Ungleichheit mag derzeit vielleicht noch akzeptabel sein. Sollten Anleiheblasen und Staatsfinanzierungen platzen (siehe z.B. Artikel: “Deutsche Anleihen- ein sicherer Hafen?) könnten sich die gewachsenen Anspruchsstrukturen aber zu inneren Unruhen und Randalen auswachsen. Einen Vorgeschmack hat es vor einigen Tagen hier in Münster gegeben. Ein Hochwasser bewirkte in Teilen der Stadt vollgelaufene Keller. Die Stadt verteilte Hilfsgelder an Betroffene und Bedürftige, zumindest an die, die sich so darstellten. Hunderte erhielten vierstelliges Sofortgeld, hunderte andere drängelten und randalierten, als es für ein paar Stunden keine Antragsformularbeantragungsnummern mehr gab, berichtet eine Lokalzeitung.

Zum zweiten Punkt: Wirtschaft. Zwar sind die Aktien bei den derzeit günstigen Zinsen meiner eigenen quantitativen Analyse zufolge nicht zu teuer, so dass sich ein Aktieninvestment unter Renditegesichtspunkten und auch unter langfristigen Sicherheitsgesichtspunkten als Ergänzung noch viel besser rechnet als andere Anlagen. Andererseits sind Aktien aber auch nicht mehr billig, wie es beispielsweise im Frühling 2009 exorbitant der Fall war. Die Wirtschaft ist außerdem weltweit (noch und augenscheinlich) in einer einigermaßen guten Verfassung. Aber in der Makroperspektive ist eine aus marktwirtschaftlicher Sicht grundsätzlich negative Entwicklung zu erkennen: Durch die sehr expansive Geldpolitik und durch die auf Brot und Spiele ausgelegte demokratische Wahlwerbepolitik der westlichen Regierungen ist aus der Marktwirtschaft immer mehr eine Planwirtschaft (oder ein “Sozialismus für Reiche” wie Jim Rogers es 2008 nannte) geworden. “Rettungen” aller Art sind nichts als Verzerrungen der natürlichen Kapitalallokation und kommen die ganze Gesellschaft (Steuerzahler und Hilfen-empfänger) auf lange Sicht viel teurer zu stehen als die wenngleich schmerzhaften Rezessionen, die sie künstlich verhindert haben.

Diese Maßnahmen wirken zwar kurzzeitig inflationär und somit den eigentlichen deflationären Tendenzen entgegen, und sind zudem kurstreibend, aber auf lange Sicht haben sie bereits zu aufgeblähten Bankbilanzen, zu einer Anleihenblase, zu teilweise überhöhten Immobilienpreisen und zu einer allgemeinen Vermögensillusion in der gesamten westlichen Hemisphäre und Japan geführt. Sollte diese fragile Konstruktion von den tatsächlichen wirtschaftlichen Lagen und Ereignissen überspült werden knallt es.

Der Trend hat bislang in Verbindung mit der für uns alle typischen geistigen Trägheit und Selbstgefälligkeit für weiter steigende Kurse gesorgt. Hätte sich die weltpolitische Lage in der letzten Zeit nicht derart verschlechtert, wäre ein Dax-Niveau von beispielweise 11800 Punkte trotz der eher schlechten Finanzlage ohne größere Korrekturen möglich gewesen. Das ist jetzt allerdings unwahrscheinlicher geworden. Viel wahrscheinlicher ist, das das Sentiment jetzt umschlägt, die Marktteilnehmer aus ihrer Illusion erwachen und Aktien, ob langfristig aussichtsreich oder nicht, verkaufen und der Dax erst mal auf 8000 möglicherweise 5000 Punkte abrauscht.

Ich schreibe diesen Artikel bei einem Dax Stand von knapp über 9000 Punkten. In kurzer Zeit könnte das als hohes Niveau erscheinen. Die Komentatoren sprechen aber von Einstiegskursen und “keine Panik”. Eine Panik lässt sich aber nicht wegreden. Nein, es ist nicht in jeder Situation richtig, stillzuhalten.

Fazit: Vielleicht entwickelt es sich noch anders. Insbesondere bei einer Entspannung der politischen Lage und einem vorsichtigen Abbau oder gar einer Ausweitung der inflationären Geldpolitik könnte ein Crash noch einmal aufgeschoben werden und somit die grundsätzliche Strategie eines langfristigen Aktieninvestments auch kurzfristig positive Erträge liefern. Dafür spricht auch die neutrale und in Asien teilweise positive Entwicklung der Börsenkurse in anderen Teilen der Welt. Es spricht m.E. allerdings zur Stunde vieles dafür, dass es sich bei dem jüngsten Kurseinbruch um den Anfang eines größeren Crashs handelt und mithin größere Absicherungen bestehender Aktieninvestments durch Put-Optionen oder Short Zertifikate (seit letzter Woche habe ich sie selbst) naheliegen.

Beste Investment-Grüße, Ihr

Robert Velten

 

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