Dax auf Rekordhoch?

Alles redet von Rekordständen des Dax – Als wenn deutsche Aktien an der Börse gerade teurer wären, als jemals zuvor. Das ist nichts als Unsinn.

In jüngster Zeit ist immer wieder von “Rekord”-ständen des Dax zu lesen. Zum Beispiel: “Dax auf Rekordjagd” (Handelsblatt vom 19.10.2013) oder “Dax auf Rekordhoch – Gefährlicher Hype um die 9000″ (Spiegel Online vom 25.10.2013). “Die Folge könnte eine Verkaufswelle sein”, wird im letztgenannten Artikel geschlussfolgert. Auch die Anleger machen sich Sorgen. In Seminaren zu internationalen Finanzmärkten werde ich gefragt, ob nach dem Rekordstand des Dax nicht der Absturz folgen könnte. – Das Problem dabei: es gibt momentan keine Rekordstände an der deutschen Börse.

In den 15 Jahren, in denen ich mein Geld durch Investition am Aktienmarkt verdiene (…und verliere – von der Differenz habe ich allerdings mein Studium und ein paar persönliche Träume finanziert), habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, den Singsang der einschlägigen Medien vollkommen zu ignorieren. Das war für mich die Voraussetzung, überhaupt an der Börse handeln zu können. Denn in einem ständigen Marktgeschrei ist man oft zu abgelenkt, um auf die einfachsten Gedanken selbst zu kommen. Man bekommt alles vorgekaut und versäumt es, selbst zuzubeißen. – Auch wenn sie gut gemeint ist, und mit Liebe zubereitet sein mag: sie schmeckt mir nicht, die mediale Börsenkost. Auch jetzt nicht, wenn alles von Rekordständen und Allzeithoch redet.

Dabei könnte es eigentlich Musik in meinen Ohren sein, wenn es jetzt heißt: Dax auf Rekordjagd. Schließlich habe ich vor viereinhalb Jahren, als die Börsenkurse völlig am Boden lagen, und als in den Medien Dax-Untergangsstimmung herrschte, mit allen Mitteln (und Kredit) in Aktien investiert und diese Investments bis heute gehalten. Damals war es wirklich ein Rekord: Ein Negativ-Rekord in mancher Hinsicht. Ich äußerte mich zum ersten Mal öffentlich und schrieb entschieden: “Kaufkurse jetzt!” (Artikel im Schweizerischen Börsenclub). Hier auf dem Kapitalmarkt-Blog bekräftigte ich vor zwei Jahren nochmals klar diese Haltung. Anfang August 2012 ein weiteres Mal in einem Facebook-Posting. Alle drei Äußerungen waren jeweils meine einzigen Äußerungen, denn um kein informationelles Rauschen zu erzeugen, sondern nur klare und eindeutige Signale, schwätze ich nicht jeden Monat etwas Neues. – Jetzt ist bewiesen, dass ich recht hatte und ich kann mich rühmen. Was gefällt mir denn dann nicht an den Berichten von Rekordständen? - Dass sie falsch sind.

Denn an der Börse ist, wie einst Kostolany sagte, eine halbe Wahrheit schon eine ganze Lüge. Wenn man sich mit Zeitungsartikeln und Fernsehberichten beschäftigt, darf man sich niemals von den dort verbreiteten Ansichten anstecken lassen. Sonst wird man immer der Masse hinterherlaufen und nie einen Vorteil haben. Andererseits leisten die Medien etwas sehr Relevantes und durchaus Erstaunliches: Sie machen Meinung. Und Massen-Meinung macht Kurse. Allerdings nicht so, wie man meinen könnte, dass nämlich häufig das passiert, was alle meinen. Eher genau umgekehrt: Wenn alle meinen, es geht abwärts, geht es meist aufwärts. Derzeit meint man also, der Dax und damit die Kurse der größten deutschen Aktien stünden auf Rekordhöhe.

Selten ist es so einfach wie jetzt, der Massenmeinung einen Fehler nachzuweisen. In diesem Fall reichen ein paar Korrekturen und das Börsengrundwissen. – Dennoch ist es ja völlig verständlich, wenn auch engagierte Anleger mit einigen Kenntnissen heute meinen, deutsche Aktien stünden auf einem Rekordhoch. Schließlich verlässt man sich (und muss es letztlich allein schon aus Zeitgründen tun) auf Experten, und die sagen und schreiben eben genau dies, dass Dax-Rekordstände an der Börse vorliegen, und diese “gefährlich” seien, weil die weitere Kursentwicklung dadurch besonders fraglich sein könnte.

Nominal haben sie recht. Der Deutsche Aktienindex ist nach Punkten auf Rekordhöhe. Aber das bedeutet nicht, das die Aktienkurse auf dem Höchststand sind! Der Dax ist nämlich ein Performance-Index. Das heißt, Dividendenausschüttungen führen bei der Indexberechnung zu einer Erhöhung der Aktienzahl im Index. Dadurch steigen die Indexpunkte auch dann, wenn die Kurse überhaupt nicht steigen. Dazu kommt zum zweiten noch die Inflation, die die Aktienkurse und damit nochmals den Indexpunktestand ansteigen lassen, ohne dass sich deshalb der reale Wert der deutschen Aktien geändert haben müsste.

Soweit die Theorie. Doch wie sieht das in der Praxis aus? Machen denn Inflation und Dividenden tatsächlich so viel aus, dass man sie überhaupt beachten müsste? In der Tat. Denn zieht man Inflation und Dividenden ab, ergibt sich folgendes Bild:

Das heißt also, deutsche Aktien sind in keiner Weise auf irgendeinem Rekord-Stand. Im Gegenteil sind sie davon noch weit entfernt! Es fehlt noch fast die Hälfte des Weges bis zum tatsächlichen Rekord im Jahr 2000.

Allein die nominale Indexberechnung des Performance-Dax vermittelt das Bild eines Anstiegs in nie erreichte Höhen. Und dieses Bild wird aufgegriffen und daraus eine Besorgnis abgeleitet. Die wirkliche Lage nimmt dieser Besorgnis sofort ihren Grund.

Doch selbst wenn deutsche Aktien schon jetzt auf einem Rekordstand wären, wäre auch das allein kein Grund für irgendeine Besorgnis – aber das ist ein anderes Thema und wird in späteren Artikeln behandelt… dann, wenn es überhaupt mal soweit ist.

Wie geht es weiter? Zwar habe ich eben erst zwei Strategie-Portfolio-Zertifikate als Redakteur von Wikifolio aufgelegt, die ausschließlich auf Aktien setzen, z.B. Velten-Strategie-Deutschland, und in die ich natürlich auch selbst investiere, sobald sie investierbar werden, dennoch kann ich nicht mehr so extrem optimistisch sein wie vor viereinhalb Jahren. Dennoch werde ich meine extrem bullischen, kreditfinanzierten Investments nicht reduzieren, denn es gibt sehr gute Gründe und Chancen, dass die Aufwärtsbewegung, die in der Tat zuletzt auch auf realer Basis sehr deutlich war, weiter geht. Und zwar noch deutlich weiter. Allerdings kann es zwischenzeitlich Rücksetzer geben und die Lage ist nicht mehr so eindeutig positiv wie sie vor vier und zwei Jahren war. Aber solche Eindeutigkeit ist auch selten und deshalb setze ich auch weniger auf Markttiming als vielmehr auf die richtige Auswahl der einzelnen Aktien. Denn langfristig steigen Aktien immer mehr als andere Geldanlageformen, unabhängig davon, ob es sich um Rekordstände und Allzeithochs handelt, oder nicht.

Auf niedrigere Einstiegskurse warten… – in 90% der Fälle ist das die falsche Strategie. Weil man dann die heutigen Einstiegskurse verpasst. Aus späterer Sicht, sagen wir auf Sicht von fünf Jahren oder länger, werden auch die heutigen vermeintlichen “Rekordstände” sehr günstige Einstiegskurse sein – besonders mit den richtigen Aktien.

Bis zum nächsten Artikel mit den besten Grüßen

Robert Velten

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